Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik

Zentralinstitut der Humboldt-Universität zu Berlin

Zeigen und Verweisen. Das Diagramm als Kulturtechnik

Jochen Brüning, Gloria Meynen

Projekt gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung

Die Entstehung der deduktiven Mathematik verdankt sich im Wesentlichen einer kulturtechnischen Innovation, einer Kombination aus Buchstaben und Linien – dem beschrifteten Diagramm. Der früheste Gebrauch des beschrifteten Diagramms findet sich um 440 v. Chr. in den Möndchenquadraturen des Hippokrates v. Chios. Seit der Mitte des 5. Jahrhunderts ermöglicht es das beschriftete Diagramm, Zahlen, Buchstaben und Linien ineinander zu überführen, Visualität durch den Rückgriff auf Buchstaben bildlos zu erzeugen. Diese neue Form der Visualität, die nicht mehr allein auf Anschauung und Anzahlenkunde gründet, ermöglicht eine Technik des Zeigens und Verweisens, die eng mit den ersten mathematischen Lehrbüchern, dem Format der Elementbücher (stoicheia) verknüpft ist.

Der Gegenstand des Projektes ist die visuelle Produktion von Abstraktion und Idealität. Anhand einer Kulturgeschichte mathematischer Beweisverfahren soll untersucht werden, wie deduktive Wahrheit auf den Bildflächen der Geometrie erzeugt wird. Der Fokus des Projektes liegt deshalb auf dem Verhältnis von Visualität und Bildlosigkeit und auf der Frage, wie Evidenz und Wahrheit in den deduktiven Beweisen so sichtbar zu einer Funktion des Bildes werden konnten.

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