Kunstplakat der Aktion Bestimmte dich selbst mit Schrift über Zeitung und unten Fotos

Kunstwerk des Monats: Bestimme dich selbst – subversive Kunst der 80er Jahre

Objekt des Monats 08/2025

Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sind bei diesem Kunstwerk auf vielfältige Weise miteinander verschränkt. Obwohl es im Hauptgebäude verortet ist, dürfte es in der sogenannten Lounge vor dem Beratungsraum 2249A eher versteckt sein. Ursprünglich konnte es zwar auch nur eine eingeschränkte Universitätsöffentlichkeit wahrnehmen, allerdings an einem Ort, der mit seiner Entstehungsgeschichte eng verwoben war – obwohl diese vor allem auch ephemere Anteile hatte.
Das Kunstwerk ist Ergebnis mehrerer Kunstaktionen aus den Jahren 1983 und 1984, als der Künstler Erhard Monden und Eugen Blume (damals wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Staatlichen Museen Berlin) in der DDR sowie Joseph Beuys in der BRD parallel die Aktion „Sender–Empfänger“ inszenierten und später in einer erneuten Aktion weiterbearbeiteten. Sowohl die Grenzüberschreitung als auch die Erweiterung des Kunstbegriffs gaben der Aktion auch eine politische Dimension – und sie war damit höchst suspekt für die DDR-Staatsführung.

Am letzten Tag der IX. Kunstausstellung in Dresden, dem 2. April 1983, fand zwischen 12 und 13 Uhr auf den dortigen Elbwiesen das fiktive Senden von Informationen zwischen Ost und West statt. Eugen Blume, der 1981 sein Studium an der Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum Kunstbegriff bei Beuys abschloss, beschreibt das Vorgehen so: „Ich benutzte für die Aktion bewußt die für Beuys so typischen schwarzen Tafeln, auf denen ich die ‚Sendung‘ aus Düsseldorf notierte. Monden arbeitete mit den für seine Aktionen typischen Materialien. Als Antenne dienten uns drei Bäume, mit denen wir durch ein Seil verbunden waren.“ (Blume 1992, S. 148.) Sechs leere Tafeln für die Sendung von Beuys und sechs Tafeln mit der Aufschrift „Bestimme dich selbst! Sei ein Künstler, indem du dich als freies kreatives Wesen erkennst! Ich bin Erhard Monden 02.04.1982. Kunst = Mensch = Kreativität = Freiheit. Adaption Joseph Beuys.“ wurden ausgelegt. Die anderen Tafeln füllten sich im Laufe der Aktion ebenfalls mit Beuys‘ Terminologie. Monden überzeichnete im Anschluss seine Tafeln. Es war der Versuch, in einer „Parallelaktion über die Grenzen hinweg“ die „soziale Plastik“ auch in der DDR einzuführen. Außerdem war es auch ein Protest gegen den Ausschluss von Aktionskunst im offiziellen Kunstbetrieb.

Der Künstler Erhard Monden beschäftigte sich auch über diese Aktion hinaus mit der Kunst bzw. Kunstkonzeption von Joseph Beuys. Er sah in dessen „sozialer Plastik“ den wahren Realismus. Beuys‘ Kritik an jedweder Determinierung (durch Produktionsverhältnisse, gesellschaftliche Zwänge) machte in ihn nicht nur in der DDR suspekt, er galt dort jedoch nicht nur als Künstler, sondern auch politisch als äußerst problematisch.

Vom 2.-8. April 1984 wurde die Aktion in Berlin fortgeführt mit den Materialien aus Dresden und Diskussionen. Beuys, der am letzten Tag dabei sein sollte, wurde die Einreise verweigert – er „galt als gefährliche politische Figur, deren Einfluß auf die Kunstszene in der DDR verhindert werden sollte“ (Blume 1992, S. 149). Das Wandbild (Schablonenspritzmalerei auf Zeitungspapier und Fotografie) blieb Dokument dieser Aktion. Es ist sowohl doppelt datiert (durch die Angabe auf der Zeitungsseite, die als Malgrund dient, und der Aufschrift in der Mitte) als auch signiert (mittig und unten rechts). Es vermittelt eine Botschaft zur Selbstbestimmung und freien kreativen Entfaltung vor dem Hintergrund eines auch in Kulturangelegenheiten restriktiven DDR-Staates. Die Verbindung von Kunst, Mensch, Kreativität und Freiheit wird im unteren Drittel als Adaption der Überzeugungen von Joseph Beuys erklärt. Seine Werke und sein Credo „Jeder Mensch ist ein Künstler“ waren zu seinen Lebzeiten auch in der BRD umstritten.

Kunstplakat der Aktion Bestimmte dich selbst mit Schrift über Zeitung und unten Fotos
Erhard Monden, Bestimme dich selbst!, 1982, Mischtechnik

Das Kunstobjekt wurde im Raum 3071 im Hauptgebäude, im damaligen Vorlesungsraum der Kunsthistoriker, angebracht und war somit bei Lehrveranstaltungen in diesem Raum präsent. Obwohl das Fach Kunstwissenschaft plangebundener ideologiegeleiteter Forschung unterlag, konnte die Kunstaktion von Monden, die sich mit dem erweiterten Kunstbegriff von Beuys auseinandersetzt, unbehelligt stattfinden. Somit legt das Werk auch Zeugnis ab von den Möglichkeiten einer offiziell marxistisch-leninistischen Kunstgeschichte, die es dennoch verstand, ihren Blick und ihre Methoden auch vor den aktuellen wissenschaftlichen Diskursen nicht zu verschließen.

2010 wurde es wegen Bauarbeiten im Hauptgebäude abgenommen und 2018 im Vorraum von R 2249 A wieder angebracht.

Autorin: Dr. Christina Kuhli

 

Literatur:

Eugen Blume: Joseph Beuys und die DDR – der Einzelne als Politikum, in: Jenseits der Staatskultur. Traditionen autonomer Kunst in der DDR, hg. von Gabriele Mutscher und Rüdiger Thomas, München/ Wien 1992, S. 137-154;
Eugen Blume: Laborismus gegen Kapitalismus und Kommunismus im Dunkeln: Joseph Beuys, in: Klopfzeichen. Kunst und Kultur der 80er Jahre in Deutschland, Ausst.-Kat. Leipzig/ Essen 2002-2003, Leipzig 2002, S. 45-51;
Christof Baier: „… befreite Kunstwissenschaft“. Die Jahre 1968 bis 1988, in: In der Mitte Berlins. 200 Jahre Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität, hg. von Horst Bredekamp und Adam S. Labuda, Berlin 2010, S. 373-390;
Eugen Blume: Es gibt Leute, die sind nur in der DDR gut – Joseph Beuys 1985, in: Die Unsichtbare Skulptur. Der Erweiterte Kunstbegriff nach Joseph Beuys, hg. von Heinrich Theodor Grütter, Rosa Schmitt-Neubauer u.a., Ausst.-Kat. Essen 2021, Köln 2021, S. 217-223;
Mathilde Arnoux: In search of true realism. Eugen Blume and Erhard Monden with Joseph Beuys in the GDR, in: Art studies quarterly 55 (2022), Nr. 2, S. 4-13.