Objekt des Monats 04/2026
Erst für Erwachsene, dann Kinderspielzeug
Der Hallenser Maler Moritz Götze (* 1964) rekurriert in seiner Collage in dem für ihn typischen Pop-Art-Stil auf die seit dem 18. Jahrhundert und besonders im 19. Jahrhundert beliebten sog. Ausschneidebögen bzw. Hampelmänner und Ankleidefiguren. Sie waren anfänglich für Erwachsene, dann vor allem für Kinder ein Zeitvertreib. Die Hampelmänner kamen in Paris Mitte des 18. Jahrhunderts auf und erfreuten zunächst die adeligen Erwachsenen. Die auf einem Bogen gedruckten Einzelteile (Kopf, Korpus, Arme und Beine sowie Attribute) wurden ausgeschnitten und zusammenmontiert. Verschiedene Berufe und Stände, Völker aus aller Welt, Commedia dell’arte-Figuren und Tiere bildeten das Repertoire. Soldaten und Militärisches waren ebenfalls zu Beginn ein Schwerpunkt dieser durch Flächigkeit und betonter Typisierung charakterisierten Kunst. Bekannte politische Figuren, v. a. Monarchen und hochrangige Militärs, wurden als Hampelmänner, d. h. Witzfiguren, zur Karikatur. Ankleidefiguren hingegen entstammen der Modewelt und erschienen mit Accessoires als Beilagen zuerst in englischen Modejournalen Ende des 18. Jahrhunderts bevor sie beliebtes Spielzeug vor allem für Mädchen wurden.
Ein Bilderbogen des Lebens
In vergrößertem Maßstab und mit der Technik der Emaille präsentiert Moritz Götze in eben dieser Manier einer Ankleidepuppe den preußischen König Friedrich II., umgeben – bzw. verbunden mit simulierten Faltlaschen – von charakteristischen Motiven. Wie im echten Leben wird er etwa treu begleitet von seinem Windhund (vielleicht seine Hündin Biche). Kanone und Trommel verweisen auf die von ihm geführten Kriege (Schlesische Kriege, Siebenjähriger Krieg). Kirschen aß Friedrich besonders gern und ließ sie anbauen. Die Motive Spaten und Kartoffeln folgen der landläufigen – wenn auch nicht ganz korrekten – Erzählung, laut der der Preußenkönig die Kartoffel in Preußen als Nahrungsmittel fürs Volk einführte. Auch eine Büste Voltaires fehlt nicht, um auf dessen Korrespondenz mit dem aufgeklärten Monarchen hinzuweisen. Die musikalische Begabung und die von ihm selbst verfassten Schriften werden durch Noten mit Feder und Tintenfass sowie Schriftstücke verbildlicht. Schließlich findet sich noch eine Tabakdose (Schnupftabak konsumierte Friedrich häufig) sowie ein Medaillon mit einem Frauenbildnis und einer Offiziersmütze mit dem Schwarzen Adlerorden. Sowohl die veränderten Größenverhältnisse als auch das Material konterkarieren die Nutzung als Kinderspielzeug und spielen mit dem Image des Soldatenkönigs.
Lebendige Geschichte
Götze setzte sich auch mit anderen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte (Martin Luther, Wilhelm I., Fürst Pückler) auseinander und schuf für den Deutschen Bundestag Geschichte und Geschichten in moderner plakativer Formensprache. Die vermeintlichen Helden der Geschichte werden zwar erinnert, aber ohne Pathos, sondern mit Mitteln der Pop-Art und Comicsprache.
Autorin: Christina Kuhli
Literatur:
https://www.bundestag.de/besuche/kunst/zeitgenoessische_kuenstler/goetze-576304 [letzter Zugriff: 09.01.2026];
Sigrid Metken: Geschnittenes Papier. Eine Geschichte des Ausschneidens in Europa von 1500 bis heute, München 1978;
Heilige, Herrscher, Hampelmänner. Bilderbogen aus Weißenburg, Ausst.-Kat. Badisches Landesmuseum Karlsruhe/ Wissembourg, Grange aux Dîmes 1999, Stuttgart 1999;
Juliane Bardt: Kunst aus Papier. Zur Ikonographie eines plastischen Werkmaterials der zeitgenössischen Kunst (= Studien zur Kunstgeschichte, Bd. 169), Hildesheim/Zürich/New York 2006.