187 Kisten stellten den Kern der Auseinandersetzung des Seminars “Archiving Werkstatt der Kulturen: (Post)Migrant Histories in Berlin Arts” dar. In diesen sammeln sich die zurückgebliebenen Materialien der Werkstatt der Kulturen (WdK).
Die WdK war von 1993 bis 2019 die einzige staatlich geförderte Institution der Stadt, die sich der Präsentation von Kunst und Kultur von und mit migrantischen und minorisierten Communities widmete. Unter der Leitung von Juana Awad, Kuratorin und künstlerische Fellow bei dem Centre for Advanced Study inherit. heritage in transformation, und Dr. Habiba Insaf, Forscherin und Leitung des inherit Forschungsfeldes decentring the west, war das Seminar für Studierende des B.A. Kunst- und Bildgeschichte und des B.A. und M.A. Ethnographie konzipiert. Das Seminar setzte sich theoretisch und praktisch mit dem Archivierungsprozess rund um die WdK Materalien auseinander.
Trang Trần, Vorstandsmitglied des Migrationsrat Berlin e.V. besuchte das Seminar im Zentrum für Kulturtechnik und betonte in ihrem Austausch mit den Studierenden die Dringlichkeit der geleisteten Arbeit. Im Gespräch wurde deutlich, dass die archivarische Arbeit an den Materialien der WdK schon lange überfällig war. Der Migrationsrat lagerte die Materialien nach der Schließung der WdK 2019 notdürftig bei sich ein, da sich keine andere Institution für die Materialien verantwortlich erklären wollte.¹ Trotz des Bewusstseins, dass diese Lösung nur eine vorübergehende sein konnte – der Keller des Migrationsrat war zwischenzeitlich auf Grund eines Wasserschadens feucht geworden und die Materalien akut vor Schimmel bedroht – hatte der Migrationsrat nicht die notwendigen Ressourcen, um sich umfassend um die übrig gebliebenen Materialien zu kümmern. Awad, die sich im Rahmen ihrer Promotion seit 2003 intensiv mit den Archivmaterialien der WdK auseinandersetzte, musste dementsprechend in einem ersten Inventarisierung- und Umverpackungssprozess das Equivalent von ca.einem Drittel der 300 Kisten wegwerfen.
An dem erweiterten Inventarisierungsprozess haben die 31 Studierende des Seminars mitgewirkt und insgesamt die 130 Kisten mit den WdK Materialien bearbeitet. Die erste Aufgabe lautete, die Boxen und Ordner zu katalogisieren, einen Überblick über den Inhalt der Ordner zu erstellen und alle alten Ordner von verrosteten Büroklammern zu befreien. Neben der Erfahrung, wie ein solcher Archivierungsprozess ganz praktisch aussieht, ermöglichte es den Studierenden vor allem auch einen Einblick in die Boxen. Diese unmittelbare Materialerfahrung war die Grundlage für die eigentliche Seminaraufgabe: Einen eigenen thematischen Schwerpunkt zu wählen und dazu eine theoretische Auseinandersetzung im Dialog mit den Materialien zu verfassen. Die ausgewählten thematischen Schwerpunkte sahen hierbei sehr unterschiedlich aus. So befassten sich mehrere Studierende mit der CD des Musikprojektes “1884”, die an die Berliner Konferenz von 1884 erinnerte, während sich andere Studierende intensiv mit einem internationalen Pressespiegel zum Şimdi Now Festival beschäftigten.
Ein weiterer praktischer Teil des Seminars war der Besuch der Dauerausstellung Ver/Sammeln antirassistischer Kämpfe im Friedrichshain-Kreuzberg Museum. Die Ausstellung, die als offenes Archiv konzipiert ist und dafür ausgelegt ist, durch Besucher*innen stetig zu wachsen, öffnete den Raum für eine inhaltliche Auseinandersetzung damit, wie eine mögliche Zukunft des Archivs der WdK aussehen könnte.
Mögliche Antworten darauf bieten gegebenenfalls Erkenntnisse aus den Community Sessions COMMUNITY MACHT ARCHIV², zu der Awad zivilgesellschaftliche Akteur*innen einlud, die gegebenenfalls selbst über die Jahre in der WdK aktiv waren. Doch auch die im Seminar entstandenen Texte tragen zur Sichtbarmachung der Materialien und zur Öffnung des Archivs bei, um die kulturelle und künstlerische Arbeit der WdK und aller Beitragenden aufzuarbeiten und weiterleben zu lassen. Nach Abschluss des Lektorats-Prozesses werden diese voraussichtlich ab Anfang November 2025 auf der folgenden Website www.werkstatt-der-kulturen.de zu finden sein.
Das Seminar wurde durch das Seed Funding Programm für transdisziplinäre Lehre “Lernen und Lehren mit der Gesellschaft” des Kompetenzfeldes Wissensaustausch mit der Gesellschaft am Zentrum für Kulturtechnik (ZfK) gefördert. Der Text wurde von Marlene Lüdorff geschrieben, die als Teil ihres Ethnographie-Masters das Seminar besuchte. Zudem ist sie als studentische Beschäftigte am Zentrum für Kulturtechnik tätig.
¹Juana Awad. Diasporic Memory Making/Decolonial Studio (Berlin: weißensee kunsthochschule, 2024), 22.
² Migrationsrat Berlin e.V. (15.07.2025). Aufruf an alle, die zwischen 1993 und 2019 in der Werkstatt der Kulturen getanzt, gestaltet, sich getroffen oder engagiert haben. https://www.migrationsrat.de/aufruf-an-alle-die-zwischen-1993-und-2019-in-der-werkstatt-der-kulturen-getanzt-gestaltet-sich-getroffen-oder-engagiert-haben/. [letzter Zugriff am 29.07.2025]
Foto: © Franziska Blume