Objekt des Monats 05/2026
Vergessen und erinnern – diese Abfolge braucht manchmal größere zeitliche Verzögerung, um zu gelingen. Manchmal braucht das Wiederentdecken auch einen anderen Ort. Einem Kunstwerk der HU ist dies nun gelungen.
Karl Marx wurde 1953 anlässlich seines 70. Todestages (und 135. Geburtstages) groß auf Beschluss der SED gefeiert – und dazu u.a. auch in einer Kolossalbüste geehrt, die an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Friedrich-Schiller-Universität in Jena als zwei wichtigen biografischen Stationen von Marx aufgestellt wurden. Im Verlauf der Planungen kam dann noch eine dritte Büste (genauer ein dritter Abguss) hinzu, anlässlich der Namensgebung „Karl Marx“ der Universität Leipzig. Die zeitgleiche Enthüllung der Büsten an allen Universitäten am 5. Mai 1953 (dem Geburtstag von Karl Marx) setzte auch ein hochschulpolitisches Zeichen. Mit der II. Hochschulreform 1951/52 war die Universitätsverwaltung dem Staatssekretariat für Hochschulwesen unterstellt, von dort waren weitreichende Umstrukturierungen der Lehre vorgenommen worden – u. a. Vorgaben zum Schwerpunkt Marxismus-Leninismus.
Aufstieg und Fall – Vom neuen Foyer in den Keller
Aus dem von der Staatlichen Kunstkommission ausgelobten Wettbewerb ging Will Lammert als Sieger hervor, er erhielt für seine Marx-Büste zudem den Nationalpreis der DDR. Die auf Wiedererkennbarkeit setzende Darstellung – mit Charakteristika wie der wallenden Haar- und Barttracht und der hohen, leicht nach vorn gewölbten Stirn – wurde vorab in der III. Deutschen Kunstausstellung 1953 in Dresden gezeigt. Die breite Öffentlichkeit wurde auch durch die Tageszeitung Neues Deutschland, dem Zentralorgan der SED, in Kenntnis gesetzt und in einem Bericht in der Zeitschrift Bildende Kunst wird die Büste als eindrucksvoll, menschlich warm und lebendig beschrieben.
An der Humboldt-Universität wurde die Büste vor dem Senatssaal gemeinsam mit dem neuen Foyer im Hauptgebäude der Universität eingeweiht. Sie blieb jedoch nicht nur ein Symbol sozialistischer Universitäten, sondern wanderte auch in den Stadtraum. Zu Ehren von Marx‘ 100. Todestag im Jahr 1983 wurde ein weiterer Abguss am Straußberger Platz aufgestellt – bislang blieb nur dieser bis heute in der Öffentlichkeit. Denn 1991 wurde die Büste der Humboldt-Universität auf Beschluss der Universitätsleitung entfernt und ins Magazin verbracht. Auch an den anderen Universitäten wurde die Büste den öffentlichen Blicken entzogen.
Erinnerung gestalten
1994, 2016 und 2017 war die Büste in Ausstellungen zu sehen, verblieb aber sonst im Magazin – bis jetzt. Im Januar 2026 wurde sie in die Zitadelle Spandau verbracht und ist dort seit dem 9. Mai ausgestellt, gemeinsam mit den anderen gefallenen Helden in der Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“. Hier soll sie weiterhin „nicht auf eine vereinfachte politische Botschaft [reduziert]“, sondern wie auch andere DDR-Denkmäler „als authentische Erinnerungsstücke und wichtige historische Symbole [behandelt werden]“ (Gomes 2020, S. 113).
Autorin: Christina Kuhli
Literatur:
Karl Marx und die klassische Literatur. Aus den Erinnerungen von Paul Lafargue, in: Neues Deutschland vom 14. März 1953, S. 4;
Helmut Holtzhauer: Die III. Deutsche Kunstausstellung in Dresden, in: Bildende Kunst März/April 1953, S. 29-35;
Marlies Lammert: Werkverzeichnis, in: Will Lammert, hrsg. v. Peter Feist, Dresden 1963, Plastik-Nr. 146;
Doris Weilandt: Die Marx-Büste von Will Lammert, in: Karl Marx und die Universität Jena, hrsg. v. Joachim Bauer und Stefan Gerber, Jena 2019, S. 135-142;
Carlos Gomes: Lenin lebt. Seine Denkmäler in Deutschland, Berlin 2020.