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Objekt des Monats: Modell des Aletschgletschers

Wie ein Schweizer Handwerker das Modell des Aletschgletschers schuf und es an die Universität kam

Ein Relief der Schweizer Alpen, 14 Quadratmeter groß, gehörte einst zu den Hauptattraktionen der Kunstkammer im Berliner Schloss. Aus zehn Teilstücken zusammengefügt, bot es eine Übersicht über Gebirgszüge und Täler in bis dahin nie gesehener Genauigkeit. Ein Teilstück des Modells wurde vor einigen Jahren von einer Doktorandin am Geographischen Institut in einer Datenbank gefunden und erkannt. Es befindet sich mittlerweile im Humboldt Forum und kann dort besichtigt werden.

Am 10. Mai 2017 traf sich eine kleine Gruppe von Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen in einem Raum im Dachgeschoss des Geografischen Instituts in Adlershof. Es ging ihnen darum zu überprüfen, ob die Kunsthistorikerin Eva Dolezel mit ihrer Vermutung bezüglich eines topografischen Modells richtiglag. Dolezel hatte ihre Dissertation über die historische Berliner Kunstkammer geschrieben und war dabei auf Teile eines herausragenden Objekts gestoßen, was vor über zweihundert Jahren die Berliner:innen ins damalige Schloss zog, wo die Kunstkammer untergebracht war: ein Relief der Schweizer Alpen. Nachweislich war auch Alexander von Humboldt sehr angetan von dem Modell, das aus zehn Teilen bestand und circa 14 Quadratmeter groß war.

Wie das Relief enstand und in die Kunstkammer kam

Geschaffen wurde das Werk von Joachim Eugen Müller (1752–1833), einem Handwerker aus dem Kanton Obwalden, dessen Kenntnisse der Schweizer Alpen herausragend waren und der eine unglaubliche räumliche Vorstellungskraft besaß, um ohne vorhandenes Kartenmaterial ein topografisch fast exaktes Abbild des Gebirges in Miniatur zu formen. Und er schuf nicht nur eins. Viele wollten damals so ein Kunstwerk. Zu den vielen, und wenigen die es sich auch finanziell leisten konnten, gehörte König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. So kam ein Relief in zueinander passenden Einzelteilen im Laufe des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts nach Berlin und wurde in der dortigen Kunstkammer aufgestellt und war öffentlich zugänglich.

Gefertigt war das Relief aus einer Gipsmischung, eingeschalt in einem Holzrahmen und es war entsprechend der natürlichen örtlichen Gegebenheiten oberflächlich bemalt mit Grün für Wald und Wiesen oder Weiß für Schnee und Eis. Ortschaften waren zu erkennen, Flüsse, Seen und Gletscher. Was der Sicht des Betrachtenden verborgen blieb, waren Metallstifte, die Müller an der Stelle auf der Holzplatte befestigte, an der er später die höheren Gipfel formte. Dieses Detail erlaubt uns heute, dass Modell auch als „echten Müller” zu identifizieren (Abb. 1).

Modell des oberen Rhonetals mit Aletschgletscher.
Expert:innen begutachten am 10. Mai 2017 das Modell des oberen Rhonetals mit Aletschgletscher. Zu sehen ist die Hand des Schweizer Reliefexperten Oscar Wüest, der das Modell verifizierte: Der kleine rote Kegel beinhaltet einen Magneten. Dieser haftet an einem Gipfel der Miniaturalpen. Ein wichtiges Indiz dafür, dass das Objekt tatsächlich ein Teil des historischen Reliefs ist.

Von der Datenbank über die Doktorarbeit ins Humboldt Forum

Mit Auflösung der Kunstkammer verlor sich die Spur des Reliefs. Im Jahr 2010 startete an der HU ein Projekt zur Erfassung materieller Modelle in Universitätssammlungen bundesweit. Dabei wurde auch ein Gebirgsrelief mit der Bezeichnung „Modell des oberen Rhonetals mit Aletschgletscher“ in die öffentlich zugängliche Datenbank aufgenommen. Dort entdeckte es Eva Dolezel und zählte Eins und Eins zusammen. Ihr Fazit: das im Geographischen Institut vorhandene Modell muss mit großer Wahrscheinlichkeit ein Teil des historischen Alpenreliefs der Berliner Kunstkammer sein. Und diese Vermutung bestätigte sich letztendlich.

Die darauffolgende Aufmerksamkeit führte zu einer zweiten Karriere des Reliefs. Es ist heute im Humboldt Labor ausgestellt, allerdings ist es gleichzeitig auch Teil der Ausstellung „Spuren. Geschichte des Ortes“ im Humboldt Forum. Es ist zu den bekannten Öffnungszeiten zu besichtigen.

Das Relief kann als gutes Beispiel für das grenzenlose Potential von vielen bisher nicht entdeckten Objekten in Universitätssammlungen dienen. Und auch die eingangs erwähnte Forschergruppe hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass vielleicht noch weitere Teilstücke des einstigen Schweizer Alpenreliefs entdeckt werden.

Relief mit der Nachbildung des Aletschgletschers.
Blick auf das Relief mit der Nachbildung des Aletschgletschers in der Bildmitte und diverser anderer Landschaftsmerkmale, wie beispielsweise Seen, wie sie sich vor zweihundert Jahren darstellten.

Text und Fotos: Oliver Zauzig

Objekt des Monats: Lise-Meitner-Denkmal von Anna Franziska Schwarzbach

Objekt des Monats 01/2023

Lise Meitner Denkmal

Seit 2014 blickt Lise Meitner nun in Richtung Unter den Linden, auf der anderen Seite des Ehrenhofes des Hauptgebäudes sind ihr Theodor Mommsen und Max Planck zugewandt. Das Denkmal für Hermann von Helmholtz vervollständigt die historische Reihe, die sowohl zeitgeschichtlich als auch ästhetisch durch Lise Meitners Repräsentation aufgebrochen und weitergeführt wird – nicht mehr überlebensgroß und in raumgreifender Pose, sondern zurückgenommen und asymmetrisch auf den Sockel gesetzt. Das Bronzedenkmal für Lise Meitner (1878-1968) ist das jüngste im Ehrenhof der Universität und ehrt als bisher einziges eine Wissenschaftlerin. Lise Meitner (1878-1968) vereint viele Besonderheiten in ihrer wissenschaftlichen Biographie: als zweite Frau wurde sie 1906 an der Universität Wien in Physik promoviert, 1913 wurde sie als erste Frau Wissenschaftliches Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, bei Max Planck war sie als erste Frau Assistentin, 1922 habilitierte sie sich als erste Physikerin Preußens an der Berliner Universität und wurde schließlich 1926 als erste außerordentliche Professorin für experimentelle Kernphysik berufen. Dass sie dabei die Arbeit mit den Studierenden sehr ernst nahm, beschreibt sie rückblickend selbst als „eine große menschliche Verantwortung für unsere jungen Mitarbeiter, mit denen wir den ganzen Tag zusammen sind und für deren menschliche Gesamtentwicklung alles, was wir tun und sagen, Einfluß haben kann“ .

Lise Meitner Denkmal

Kernkraft für friedliche Nutzung

Bereits vor ihrer theoretischen Deutung der Kernspaltung 1939 erhielt sie die erste von insgesamt vier Nominierungen für den Nobelpreis 1919 – den Nobelpreis selbst bekam sie allerdings nicht. Diese Ehre wurde Otto Hahn 1945 zuteil, mit dem Lise Meitner Jahrzehnte gemeinsam arbeitete und forschte – und den sie selbstbewusst neckend zuweilen als „Hähnchen“ bezeichnete. Der Fachwelt wurde sie früh bekannt, sie lernte Marie Curie und Albert Einstein persönlich kennen. Durch das 1933 erlassene NS-Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde sie als Jüdin gezwungen, ihre wissenschaftliche Arbeit aufzugeben. 1938 konnte sie nach Schweden emigrieren. Dort hatte sie von 1947 bis 1960 die Forschungsprofessur und Leitung der Kernphysikalischen Abteilung an der Technischen Hochschule Stockholm inne. Nicht dem Bau der Atombombe, sondern der friedlichen Nutzung der Kernenergie verschrieb sie sich fortan. Nach ihrer Emeritierung 1960 übersiedelte sie nach Cambridge, wo sie acht Jahre später, vielfach international geehrt und ausgezeichnet, verstarb.

Denkmal mit Unterschrift, Kernreaktion und Berechnung

Die Berliner Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach konnte sich im europäischen Kunstwettbewerb mit ihrem Entwurf für das Lise Meitner-Denkmal durchsetzen. Der Aufstellungsort besetzt zudem fast die Stelle, an der ehemals das Denkmal für Heinrich von Treitschke stand – dem Historiker, der mit seinem Satz „Die Juden sind unser Unglück“ den Berliner Antisemitismusstreit ausgelöst hat und dessen Denkmal nach seiner Versetzung durch die Nationalsozialisten 1951 endgültig entfernt wurde.
Lise Meitner Denkmal
Anna Franziska Schwarzbach
Schwarzbach kontrastiert das Verhältnis von Figur und Sockel: Auf der Bodenplatte liegt ein Sockel mit verschiedenen Einschnitten und Rissen, die assoziativ mit den Brüchen in Meitners Biographie verbunden sind. Die porträtähnliche Figur selbst steht etwas abseits, zugleich zart und klein und herausragend, sie repräsentiert ebenso Marginalisierung wie Verdienste. Auf der Vorderseite des Sockels ist die Unterschrift Lise Meitners angebracht, auf der glatten linken Seitenfläche eine Zeichnung der Kernreaktion und Fragmente einer Berechnung. Somit sind auch die Attribute auf den Sockel gewandert und nicht der Figur beigegeben. Als dekorativ, weiblichen Stereotypen folgend und ohne Irritationspotentiale als Anstoß zum Nachdenken kritisiert, ist das Denkmal dem stimmigen Erscheinungsbild des Ehrenhofes untergeordnet. Auf dem alltäglichen Gang ins Hauptgebäude der Universität stimmt das Lise Meitner-Denkmal dennoch deutsche Geschichte, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte ebenso an wie Fragen der Gleichberechtigung – ob es ein Anachronismus ist, sollte jede:r selbst entscheiden.

Autorin: Christina Kuhli, Kustodin der HU
Kunstsammlung / Kustodie der Humboldt-Universität

Fotos: Matthias Heyde