Objekt des Monats 01/2026
Noch kann man das großformatige Werk nur in den Abendstunden erblicken – die bunten Glasfenster im Ostflügel des Hauptgebäudes strahlen bei Dunkelheit in den Gartenhof, wenn die Lichter im sanierten Vestibül des Audimax angeschaltet sind. Sie erzählen von einer Zeit der Aufbruchstimmung, der Bedeutung von Wissenschaft und Technikbegeisterung in der DDR.
Es handelt sich um drei Glasfenster, in denen der Mensch im Zentrum steht, umgeben von Elementen der Natur, der Wissenschaft und des Kosmos.
Im linken Fenster steht ein junger Mann, die linke Hand erhoben in Richtung eines Atommodells, in den Bildfeldern darunter sind eine Friedenstaube und der Kopf Max Plancks angeordnet. Die rechte Hand hält der Mann gesenkt, ihm strecken sich von unten gereckte Fäuste entgegen. Die friedliche Nutzung der Atomenergie unter sozialistischer Staatsführung wird in ihrer globalen Dimension durch die Windrose ganz oben propagiert. Die Natur hat ihren Platz in den unteren Bildfeldern mit Kornähren und einem Früchte tragenden Baum. Doch auch hier greift der Mensch ein, symbolisiert durch Förderturm und Strommast.
Das mittlere Fenster wird in der oberen Hälfte durch eine weit ausschreitende junge Frau in einem roten Kleid dominiert. Sie hält ein geöffnetes Buch, darunter versammeln sich Marx und Engels und die 11. Feuerbachthese von Karl Marx, die schon damals im Foyer des Hauptgebäudes am Treppenaufgang zu sehen war. Im linken Streifen sind wieder gereckte Fäuste zu sehen, darüber ein Leninkopf. Das DDR-Wappen vor einer Sonne, begleitet von Friedenstauben, rundet die Botschaft ab. Die unteren Bildfelder besetzen Symbole der Wissenschaften und der Künste: ein Anch-Kreuz als Lebenssymbol, eine Maske, eine Harfe und eine Palette, Hieroglyphen, aber auch Funktechnik und Teleskope. Im Zentrum sind die Profilporträts von Wilhelm und Alexander von Humboldt eingefügt, die ganz ähnlich zum Symbolbild und Corporate Design der Humboldt-Universität wurden.
Das rechte Fenster ist besonders zeitbezogen bzw. zeitaktuell. Hier ist ein Mann im Raumanzug die zentrale Figur, umgeben von einer am Fallschirm hängenden Rakete, den Porträts von Leibniz, Newton und Einstein sowie der Friedenstaube. Im Falle von Einstein ist der Verweis nicht nur wissenschaftsgeschichtlich bedeutsam, der Physiker und Nobelpreisträger hat im Audimax der Berliner Universität Vorträge gehalten. Der rote Sowjetstern neben der Verbildlichung eines schwarzen Lochs und einer Galaxis verweisen auf die Eroberung des Weltraums, die Juri Gagarin 1961 mit seinem Weltraumflug gelungen war. Das Thema der Weltraumeroberung wird in den unteren Bildfeldern mit einem Refraktor, einer Parabolantenne und dem Bildnis von Nikolaus Kopernikus symbolhaft mit der Bedeutung von Physik, naturwissenschaftlicher Forschung und technischem Vermögen verknüpft.
Die Beherrschung von Natur und Technik zum Wohle des Friedens wird in den Glasfenstern als Aufgabe der Universität in einem sozialistischen Staat in einer Abfolge von Einzelmotiven dargestellt. Mal konkreter, mal eher metaphorisch zu verstehen waren eine Vielzahl der ausgewählten Bildelemente bekannte Versatzstücke des medialen Alltags. Eine innovative Technik und Wissenschaft sah Walter Ulbricht als Bedingung für „das Wachstum der Produktivkräfte und die ökonomische Stärke“ an, damit die „erfolgreiche Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution“ als „eine Hauptaufgabe im Klassenkampf“ gelingen könne (Walter Ulbricht: Grundlegende Aufgaben im Jahr 1970. Referat auf der 12. Tagung des ZK der SED 12./13.12.1969). Das sog. Komplexbild, die Auflösung einer erzählerischen Form in zusammenhängende Einzelmotive, erzeugt auf künstlerische Weise ein Weltbild, in dem Wissenschaft, Technik, Natur und Gesellschaft aufs Engste verknüpft sind und vom Menschen beherrscht werden.
Auch die Technik der Glasfenster demonstriert moderne Technik und zwar in Abkehr von der christlichen Glasmalerei der Kirchenfenster: Kleinformatige Plexiglasscheiben sind den Fenstersprossen vorgehängt und die typischen Bleistege sind nur teilweise echt, zum Teil sind sie durch schwarz gezogene Linien vorgetäuscht. Es wird kein sakraler Raum nobilitiert, vielmehr wird die moderne Wissenschaft und der die Welt durch seinen Forschergeist beherrschende Mensch gefeiert. Ausgeführt wurden die Glasfenster von Katharina Perschel, die Mahlsdorfer Glaskunstwerkstatt existiert bis heute.
Dass Walter Womacka den Auftrag erhielt, lag nicht nur an seiner Expertise für baubezogene Kunst, sondern auch an seiner sozialistischen Überzeugung, die er auch in weiteren Großprojekten unter Beweis stellte. Nicht weit von der HU entfernt gestaltete er 1964 die Glasfensterwand im ehem. Amtssitz des Staatsrates (dem ersten Regierungsneubau in Ost-Berlin, heute European School of Management and Technology). Das Haupttreppenhaus durchzieht die „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von 1918 bis zur Errichtung des ersten Deutschen Arbeiter- und Bauernstaates“ (Der Sozialismus siegt). Die aufwendige Glasklebetechnik dafür wurde von der PGH Kunsthandwerk und Glasgestaltung in Magdeburg entwickelt – die handwerklich-künstlerische Technik unterstreicht somit die Bedeutung von technischem Fortschritt mit eigenen Mitteln.
Die Glasfenster zeugen von einem ganz besonderen Moment der kunsthistorischen, politischen und gesellschaftlichen Geschichte, in dem auch die Humboldt-Universität ihren Platz hatte.
Autorin: Christina Kuhli
Fotos: Iris Grötschel, https://www.math.berlin/orte/fenster-hub.html [letzter Aufruf: 09.01.2026]
Literatur:
Jörg Haspel: „Vorsicht Stufe“. Konservieren und kommentieren? Sozialistische Denkmalkunst in Berlin als Objekt und Ort künstlerischer Interventionen und Interpretationen, in: Von der Ablehnung zur Aneignung? Das architektonische Erbe des Sozialismus in Mittel- und Osteuropa (= Visuelle Geschichtskultur, 12), hg. von Arnold Bartetzky, Christian Dietz und Jörg Haspel, Köln/Weimar/Wien 2014, S. 195-213;
Luise Helas: Walter Womacka. Sein Beitrag zur architekturbezogenen Kunst in der DDR, in: Luise Helas, Wilma Rambow, Felix Rössl: Kunstvolle Oberflächen des Sozialismus. Wandbilder und Betonformsteine (= Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR, 3), Weimar 2014, S. 19-102;
Sigrid Hofer: Kosmonaut Ikarus. Weltall, Erde, Mensch – Die planbare Zukunft als bildnerische Projektion, in: Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR – neu gesehen, Ausst.-Kat. Neues Museum Weimar 2012-2013, hrsg. von Karl-Siegbert Rehberg, Wolfgang Holler und Paul Kaiser, Köln 2012, S. 2015-215;
Wolfgang Hütt: Walter Womacka, Dresden 1980;
Walter Womacka: Die bildende Kunst – notwendiger Bestandteil der Architektur, in: Bildende Kunst 6, 1964, S. 305-310.